Dienstag, 1. August 2017

Rosebud



Reinigungspersonal reinigt die Wohnungen Verstorbener oder Tatorte oder ähnliche Örtlichkeiten. Sie kommen, wenn die Polizei schon weg ist und übernehmen den unangenehmen Teil der Arbeit. Zu einer Reinigungsfirma, die solche Aufträge übernimmt, gehört auch Judith Kepler. Sie hat eine Vergangenheit, die sie abgehärtet hat. Sie kann diesen Job. Sie selbst ist in einem Kinderheim groß geworden, damals noch in der ehemaligen DDR. Ohne wirklich eigene Vergangenheit eignet sie sich Teile des Lebens der Toten an. Mal ein Buch, mal ein Foto, mal ein Möbelstück. Dazu durchstöbert sie die Überbleibsel eines Lebens manchmal gründlicher als sie von Berufs wegen eigentlich sollte. Und so stößt sie in der Wohnung des Mordopfers Christina Borg auf einige Ungereimtheiten.

Judith Kepler hat im Leben einiges durchgemacht, Drogen, Obdachlosigkeit. Doch sie hat sich gefangen, ihre innere Stärke ist ungebrochen. Und ihre Neugier treibt sie an. Dass sie dabei mit ihrer eigenen Vergangenheit in Berührung kommt, kann sie nicht ahnen. Als sie ihre eigene Akte aus dem Kinderheim sieht versucht sie natürlich umso hartnäckiger, die Hintergründe zu erforschen. Die Unverfrorenheit, mit der sie dabei vorgeht und mit der sie mehr erreicht als das Fachpersonal bestimmter Organisationen je von einem Laien befürchtet hat, macht sie ausgesprochen sympathisch und führt zu so manchem kleinen Ausbruch der Schadenfreude. Doch die Sache ist ernster als zunächst gedacht, denn die alten Seilschaften existieren noch und noch sind einige in Positionen, in denen sie einiges zu befürchten haben, wenn etwas ans Licht kommt. Judith, die nicht ahnt, in welcher Gefahr sie schwebt, will mit dem Kopf durch die Wand. Und Hilfe zu erkennen und anzunehmen, fällt ihr sehr schwer. 

Das ist mal eine Heldin! Sowohl ironisch verstanden als auch ernst gemeint. Denn wie kann eine Tatortreinigerin eine Heldin sein. Doch Judith beweist, es geht irgendwie. Mit ihrer eckigen Art hat sie doch bei mehr Menschen Wohlwollen erzeugt als sie selbst glauben mag. Ihre Kindheit hat sie misstrauisch gemacht. Dass andere ihr helfen wollen oder sie beschützen, kann sie nicht glauben. Dennoch ist sie nicht jemand, der andere im Stich lässt, noch nicht einmal die Toten. Ja, sie ist wirklich deren Zeugin. Dieser Krimi packt den Leser von Beginn an. Wer ist Judith eigentlich, was sind ihre Wurzeln. Ebenso wie die Protagonistin selbst, findet der Leser heraus, dass nichts so ist wie es schien, dass es schwierig ist Gut und Böse auseinander zu halten. Auch wenn Judith schließlich ihre Vergangenheit kennt, hofft man, dass ihr Urlaub nur ein Urlaub ist.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Die Zeugin der Toten von Elisabeth Herrmann
ISBN: 978-3-548-28412-5


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