Sonntag, 28. Mai 2017

Textsicher

Bei einem Morgenspaziergang mit den Hunden findet die ehemalige Kriminalreporterin Jimm Juree einen menschlichen Kopf. Nach einer oberflächlichen Untersuchung will die Polizei die Sache ad acta legen. Doch die haben nicht mit Jimm gerechnet. Auch wenn ihre Karriere ziemlich den Bach runtergegangen ist seit ihre Mutter mit Jimm und ihrem Bruder Arny in dieses verschlafene Provinznest zog, ihre Fähigkeiten und ihre Neugier hat sie nicht verloren. Neugierig machen sie auch die einzigen beiden Gäste im Ferienresort der Mutter, welche weder ihren Pass vorlegen wollten, noch Nummernschilder am Auto haben.

Energisch macht sich Jimm Juree auf die Suche nach den Hintergründen, die sowohl zum Auffinden des leichelosen Kopfes als zur Ankunft auch der beiden Frauen geführt haben. Dabei bedient sie sich der Hilfe ihrer besonderen Polizeiverbindung, der Unterstützung ihrer Schwester, die einmal ein Bruder war und auch ihr kleiner Bruder Arny, der Bodybuilder mit dem zarten Gemüt, steht ihr zur Seite. Jimm jedoch ist es, die ihre Gedanken flitzen lässt und gewitzt nach Zusammenhängen sucht. Meir, die Mutter der drei, behält immer noch das Geheimnis für sich, weshalb sie soweit ab von pulsierenden Leben sitzen.

Dieser zweite Band um die Erlebnisse der frechen Reporterin Jimm Juree entwickelt sich zu Beginn etwas langsam. Man meint, die Spuren werden von den Wellen am Strand davon gespült. Erst wenn klar wird, um welche Themen es dem Autor eigentlich geht, gewinnt der Roman an Spannung und Tempo. Dabei erzählt er von Begebenheiten, die in der heutigen Zeit beinahe unglaublich scheinen, deren Wahrheitsgehalt allerdings schon bei einem kurzen Blick ins große weite Netz verifiziert wirkt. So überzeugen Jimm und ihre Familien- und Haustiermenagerie zwar erst relativ spät, aber schließlich überzeugen sie doch.

Die wunderbare Idee mit den Liedtexten geht leider ein wenig an der Rezensentin vorbei, da sie selbst nicht besonders textsicher ist.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Ein Kopf macht noch keine Leiche von Colin Cotterill
ISBN: 978-3-442-48127-9




Samstag, 27. Mai 2017

Hinter den Spiegeln

Jacob hat seinem kleinen Bruder Will immer versprochen, dass er zurück kommen wird. Zwar hat es manchmal gedauert, aber er hat sein Versprechen gehalten. Doch schon lange ist ihr Vater verschwunden und nun die Mutter gestorben. Will ist alleine, Halt gibt ihm seine Freundin Clara. Und diesmal wartet Will nicht auf Jacobs Rückkehr, diesmal folgt er ihm in die Welt hinter den Spiegeln. Dort erwarten die Brüder erstaunliche Abenteuer und eine märchenhafte Welt, die zwar so ähnlich ist wie die Bekannte, aber doch wundersam anders. Doch auch hinter den Spiegeln lauern Gefahren.

Eine neue Facette der Welt der Cornelia Funke gibt es hier zu entdecken. Jacobs Erzählungen von seinen Abenteuern wirken wie Spaziergänge durch den Märchenwald, da gibt es die Farben Weiß (wie Schnee), Rot (wie Blut), Schwarz (wie Ebenholz), da gibt es Rapunzelhaar oder Schneckenschleim, der unsichtbar macht. Wundersame Dinge, die Jacob für die Königin gesucht hat, wundersame Dinge, die er selbst behalten hat. Eine Welt, in der Will sich staunend umsieht. Eine Welt in der es Zwerge und Gestaltwandler gibt. In dieser Welt läuft Will Gefahr zum Goyl zu werden und er scheint seinem Schicksal nicht entgehen zu können.

Cornelia Funke auf Englisch, mal was anderes, und doch fühlt man sich wohl in dieser Märchenwelt. Gleichzeit fragt man sich, wieso Jacob das Land hinter den Spiegeln der normalen Welt vorzieht. Will er das Schicksal des Vaters aufklären oder kann er einfach nicht erwachsen werden. Sein kleiner Bruder wirkt jedenfalls reifer, er musste sich der Wirklichkeit stellen bis ihn schließlich doch die Neugier packt. Und so bilden sich zwei eigene Paarungen, Jacob und Fuchs, Will und Clara. Kann Wills Weg nur zurück in die Welt vor den Spiegeln führen? Wird Jacob im Märchenwald bleiben? Bis sich die Frage entscheidet, haben Will und Jacob geradezu unglaubliche Abenteuer zu überstehen. Dieses Jugendbuch besticht durch Phantasie und liebevolle Anspielungen auf bekannte Märchen. Ob sich auch Erwachsene noch in diese Phantasiewelt einfühlen können, müssen diese für sich selbst entscheiden.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

The petrified Flesh von Cornelia Funke
ISBN: 978-0-9891-6564-8


Freitag, 26. Mai 2017

Seelenverkäufer

Sein Schiff ist früher ausgelaufen als geplant und mit ihm seine Papiere. Der aus New Orleans stammende Matrose Gale muss nun zusehen wie er weiterkommt. Auf einem anderen Schiff anzuheuern, ist ohne Seemannsbuch nicht so leicht. Ebensowenig wie ohne Seemannsbuch an einen Pass zu kommen. Deshalb wird Gale erstmal von einem europäischen Land ins andere abgeschoben. Als quasi Staatenloser kann in niemand gebrauchen. Erst auf der heruntergekommenen Yorikke findet der Seemann eine Stelle als Kohlenzieher. Hier wird nach keinem Buch nach keinem Ausweis gefragt. Doch Gale ist froh, einen Platz gefunden zu haben.

Nach dem ersten Weltkrieg ist die Welt nicht mehr in Ordnung. Grenzen wurden neu geschrieben, Nationalitäten und Ausweispapiere bekamen eine besondere Bedeutung. Man muss beweisen können, wer man ist. Gale, der seine Papiere verloren hat, kann das nicht und so spürt er eine kafkaeske Welt. Kein Land will ihn aufnehmen, kein Konsul ihm Ersatzpapiere ausstellen. Von Land zu Land wird er abgeschoben, heimlich, er soll sich nur nicht erwischen lassen. Natürlich wird er doch erwischt und das Spiel geht von neuem los. Bis er dann doch angeheuert wird, auf einem Schiff, dass anscheinend hauptsächlich von der Farbe zusammengehalten wird. Die unterste Position des Kohlenziehers wird ihm gegeben. Mit einem Kollegen zusammen leistet er Schwerstarbeit, fühlt sich ausgebeutet und wartet auf den Moment, in dem die Yorikke untergeht.

Der Autor soll geäußert haben, wenn er seine Geschichte erzählen kann, muss er noch leben. Beim Lesen jedoch erscheint es unwahrscheinlich, wie man diese Ereignisse überleben soll. Im ersten Teil des Buches, wo es mehr darum geht, was mit Menschen geschieht, die es eigentlich nicht gibt, weil sie keine Papiere haben, reibt man sich des Öfteren die Augen, ob der unglaublichen Herablassung, mit der die Staatenlosen als Bittsteller behandelt werden. Man fühlt sich an die Lage der Flüchtlinge heute erinnert, die von einem Ort zum nächsten geschickt werden. Der Matrose Gale bemerkt weise, dass seine Situation eine ganz vertrackte ist, aus der er sich kaum befreien kann. Im zweiten Teil wird hauptsächlich geschildert, welch schwere Arbeit zu leisten ist. Fast wie Sklaven werden die Matrosen ausgebeutet, schlecht ernährt und kaum bezahlt. Ein Entkommen gibt es nicht, denn es bleibt das Problem mit dem Seemannsbuch. Die ausweglose Situation, die Arbeit unter schlimmsten Bedingungen, Schilderungen, die sich aus heutiger Zeit, in der, so ist jedenfalls zu hoffen, doch einiges einfacher ist, kaum ertragen lassen. Wie kann man eine solche Höllenfahrt überleben. B. Traven versteht es hervorragend, die Stimmung des Staatenlosen einzufangen, der gezwungen ist, seine Seele zu verkaufen, um auf dem Totenschiff überleben zu können. Sicher steckt in dem Buch auch eine nicht zu übersehende Portion Kritik an Staatenwesen und Bürokratie. Auch Schiffe, die mitsamt ihrer Mannschaft auf hoher See verschwinden, um eine Versicherungssumme einzustreichen, verdienen nicht nur die Verachtung des Autors.

Eine Lektüre, bei der man sich manchmal schütteln möchte, die gleichzeitig packt, ekelt und wütend auf die Strippenzieher macht.


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Das Totenschiff von B. Traven
ISBN: 978-3-257-21098-9


Donnerstag, 25. Mai 2017

Toskana criminale

Das Sabbatjahr des Münchner Anwalts Robert Lichtenwald lässt sich ganz anders an als erwartet. Während seiner Auszeit in einem Rustico in der Toskana will er eigentlich innehalten und für sich wiederfinden, was wichtig ist. Seine Frau hat ihn verlassen und seine Tochter macht ein freiwilliges soziales Jahr in Südamerika. Im Laufe eines Spaziergangs, den Lichtenwald mit dem ehemaligen Eigentümer seines Rustico unternimmt, entdecken die beiden die Leiche einer Prostituierten. Entsetzt rufen sie sofort die Polizei und geraten zunächst einmal selbst in Verdacht. Natürlich ist das schnell aufgeklärt, aber das Geheimnis um die Tote ist nicht so leicht zu lösen. Bald darauf wird eine weitere Tote gefunden. Kann es einen Zusammenhang geben?

Die Toskana wegen ihrer geschichtsträchtigen Orte, der Pinienhaine, des angenehm milden Klimas ein beliebtes Reiseziel vieler Urlauber. Ein Traum Vieler ist es auch, ein Häuschen in der Toskana zu besitzen. Und so könnte man meinen Robert Lichtenwald hätte sein Ziel erreicht. Der Traum, gemeinsam mit Frau und Tochter auszuspannen und zu genießen, hat sich jedoch nicht erfüllt. Nun sitzt er alleine hier und denkt darüber nach, was wohl schief gelaufen ist, wo er hätte innehalten müssen, die Weichen hätte anders stellen können. Durch den Mord wird er jäh aus seinen Gedanken gerissen und gemeinsam mit der Journalistin Gaida beginnt er mit den Nachforschungen nach Zusammenhängen und Hintergründen.


Ein wenig in der Schwebe hängt Lichtenwald, unentschlossen zwischen den Schritt nach vorn oder der Rückbesinnung. Frischer dagegen die forsche Giada, die schon mal laut und deutlich werden kann. Beschreibungen von Land und Leuten wechseln sich mit Informationen zum Lebenshintergrund einzelner Personen ab. Die Kriminalgeschichte wirkt manchmal wie eingestreut, das Thema rumort schnell im Hinterkopf, die Spuren, die zur Lösung führen sollen, wirken wie gelegt. Als Leser mag man auch ein paar kleine Schwierigkeiten haben, sich in die religiöse Komponente zu finden. Natürlich ist das Geschmacksache und mit den grundsätzlich sympathischen Protagonisten und dem toskanischen Flair, das sehr plastisch rüberkommt, vermag es der Autor Interesse zu wecken und sehr gut zu unterhalten.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Morde von Morcone von Stefan Ulrich
ISBN: 978-3-8437-1522-5


Sonntag, 21. Mai 2017

Vertigo

Siebzehn Jahre ist es her seit Tess Williamson die Treppe zu ihrem Garten hinabgestürzt und dabei gestorben ist. Ihr Mann Tom hat nie an einen Unfall geglaubt, doch erst jetzt bittet er Superintendent Jury, sich der Sache noch einmal anzunehmen. Es ist die Unsicherheit, die Williamson nicht mehr ertragen will. Richard Jury begreift sofort, was den Witwer umtreibt und er will den Versuch starten nach den langen Jahren noch etwas herauszufinden. Der Weg an den Ort des Geschehens führt natürlich bei seinem Freund Melrose Plant vorbei. Und nach einem gemeinsamen Pubbesuch der Bande erhalten sie die Nachricht von einem Todesfall. Eine junge Frau ist von einem Turm gestürzt.

Unfall, Mord oder Selbstmord - alle drei kommen als Ursache für die Todesfälle in Betracht. Für Jury gilt es, das Unwahrscheinliche auszuschließen und das Wahrscheinliche zu ermitteln. Bei einem fast zwanzig Jahre alten Geschehen, dürfte das nicht so einfach sein. Können Zeugen sich noch erinnern, sind Beweisstücke oder Akten noch vorhanden? Bei dem aktuellen Fall gestaltet sich dies natürlich einfacher. Jury, für beide Untersuchungen eigentlich nicht zuständig, aber England scheint ein Dorf zu sein, in dem ein Polizist den nächsten kennt, beginnt mit den Nachforschungen. Melrose Plant steht im dabei mit Ideen zur Seite, die wegweisend sein können.

Bereits zum 23. Mal ermittelt Inspektor Jury, der im Laufe der Zeit zum Superintendent aufgestiegen ist. Bei den spärlichen Hinweisen auf den zeitlichen Rahmen fragt man sich, wie alt Jury wohl sein mag. Derartig langlebige Serien bieten da häufiger Anlass zu Spekulationen, da die Helden ja nicht zu schnell altern dürfen, schließlich müssten sie irgendwann in Pension gehen und dann würde dem Leser doch etwas fehlen. 


Auch nach einer längeren Pause findet man sich schnell wieder im Juryversum zurecht, gerade auch im Hinblick auf die kürzlich gesendeten Verfilmungen, die der Leser als zwar leichte, aber in gewisser Überzogenheit durchaus gelungene Inszenierung der skurrilen Ermittlungen des Inspektor Jury ansehen kann, der Kritiker aber gerne verreißen mag. Aus Zufällen, an die man glauben muss, obwohl es sie eigentlich nicht geben kann, webt Martha Grimes, eine Amerikanerin mit einem Faible fürs Britische, einen Fall, der mit Überraschungen gespickt in seinen Bann zieht. Meist geschickt konstruiert und mit lässiger Eleganz hin und wieder etwas im Ungewissen lassend.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Inspektor Jury und die Frau in Rot von Martha Grimes
ISBN: 978-3-442-31401-0




Samstag, 20. Mai 2017

Revolution

Junktown ist ein Musterbeispiel für eine Stadt der Zukunft. Nach der Revolution sind Drogen freigegeben worden und die Menschen frönen dem Konsum. Schöner Müll liegt in den Straßen und die Drei-Tage-Woche lässt genug Zeit für jedes Laster. Konsumnachschub wird in Brutmaschinen gezüchtet. Eines Tages jedoch wird eine dieser Brutmaschinen zerstört genauer gesagt getötet. Der heruntergekommene Polizist Solomon Caine, der nie verwunden hat, dass seine Frau den Weg des goldenen Schusses wählte, soll herausfinden, was geschehen ist. Schnell entdeckt er, dass die Brutmutter keines natürlichen Todes gestorben ist und dass der Vorstand der Anlage, in der sie installiert war, etwas zu verbergen hat.

Eine unheimlich schöne neue Welt, nicht mehr viel arbeiten zu müssen, freien Zugang zu Drogen und jedem anderen Konsumgut zu haben. Doch was, wenn man regelmäßig nachweisen muss, dass das Drogenniveau im Blut hoch ist. Wenn das High ausbleibt, weil die Gewöhnung einsetzt, wenn der Konsum schal wird und einem der Müll im Garten auf die Nerven geht. Solomon Cain, einst ein Führer der Revolution, ein erster des neuen Staates, hat Zweifel. Sein Status schützt und so kann er sich manches erlauben, wofür andere eine Herabstufung erfahren würden. Wird es ihm jedoch mit seinen unkonventionellen Methoden möglich sein, hinter das Geheimnis des Todes der intelligenten Brutmaschine kommen.

Solomons Welt ist nicht immer leicht zu ertragen, dass zu viel des Konsums, der Drogenzwang, die Kontrolle, die Manipulierbarkeit der Menschen, der Gesellschaft. Doch gerade darin kann man eine Warnung sehen, dass nicht jeder Konsum gut ist und die Manipulationen an den Konsumenten auch nicht erstrebenswert sind. Schon heutzutage ist man etlichen Dingen ausgesetzt, die auch im Buch beschrieben werden. Kaum jemanden wird es gelingen wahrhaft integer und über alles unparteiisch informiert zu sein. Und so hat man in der Beschreibung dieser Konsumstadt ein abschreckendes Abbild einer Zukunft, der wir möglicherweise entgegen sehen. Da sich beim Lesen der Beschreibungen des Lebens in Junktown ein gewisser Widerwillen einstellen kann, gerät das Buch hier mitunter ein wenig sperrig. 

Leichter hat man es da durchaus mit Inspector Solomon Cain und seiner Herangehensweise an den Fall. Mit seinen unkonventionellen Methoden versucht er, einen spannenden und vielschichtigen Fall zu lösen. Frech, intelligent und manchmal tragisch wirkt seine Figur. Vor seiner Hartnäckigkeit und Stärke als alter Revoluzzer kann man nur den Hut ziehen. 

Mit seinem Buch stellt der Autor eine düstere neue Welt vor, in der man nicht leben möchte, über die es jedoch nachzudenken und zu reflektieren gilt.


3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Junktown von Mathias Oden
ISBN: 978-3-453-31821-2




Donnerstag, 18. Mai 2017

Daunendrom

Vor langen Jahren hat der Schriftsteller Anthony Peardew einen kostbaren Gegenstand verloren, er gehörte seiner Verlobten Theresa, die kurz vor der Hochzeit plötzlich verstarb. Anthonys Leben war danach wie abgetötet. Nur langsam kam er aus diesem Tief empor, aber er war für immer verändert. Anthony begann verlorene Dinge zu sammeln, genau schrieb er auf, wo und wann er sie gefunden hatte. Und schließlich dachte er sich Geschichten der verlorenen Dinge aus. Langsam ist Anthony älter geworden und er nimmt die Hilfe seiner Assistentin Laura gerne in Anspruch. Die ist sehr froh, dass sie die Stelle bekommen hat. Nach einer schweren Scheidung ist ihr Selbstbewusstsein auf einem Tiefpunkt angelangt. Laura muss erst einmal wieder zu sich finden und genießt die ganz besondere Atmosphäre in Anthonys Haus mit dem wunderschönen Rosengarten.

Diesen Debütroman von Ruht Hogan durchwandert man als sei man auf einer Entdeckungsreise. Immer neue kleine Geschichten und Handlungsstränge kann man entdecken. Der liebenswert melancholische Anthony, der seiner zerrauften, aber ausgesprochen sympathischen Assistentin einen Start in eine bessere Zukunft sichern möchte. Laura, die sich zunächst überfordert fühlt und ihre Aufgabe schließlich annimmt. Sunshine, mit dem Daunendrom, die mehr Durchblick hat als alle anderen, auch wenn die Worte manchmal den Gefühlen hinterher rennen müssen. Freddy, der gut aussehende Gärtner, der mehr auf dem Kasten hat als den wunderbaren Rosengarten zu pflegen. Um sie ranken sich Geschichten und Geschichtchen, die mal belustigen, mal wehmütig, mal melancholisch stimmen. Über allem liegt aber die positiv anheimelnde Stimmung, die das Haus, in dem Anthony lebt, auszuströmen scheint.

Ein wenig scheinen die Personen aus dieser Welt gefallen zu sein, beinahe zu lieb, zu gut scheinen sie. Und dennoch fasziniert und fesselt ihre Geschichte und das Geheimnis, welches sie umgibt. Wohlig angerührt verschlingt man Seite um Seite, mal voller Wehmut, mal voller Hoffnung, mal voller Mitempfinden. Auch wenn es vereinzelt ein paar Zufälle gibt, die eigentlich nicht passieren können und man vielleicht auch ein paar Schwierigkeiten hat mit von innen verschlossenen Türen, im Großen und Ganzen überzeugt die Autorin mit ihren liebenswerten Charakteren und einer runden heimeligen und anrührenden Geschichte. Und Sunshine hätte durchaus eine eigene Geschichte verdient.


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mr. Peardews Sammlung der verlorenen Dinge von Ruth Hogan
ISBN: 978-3-8437-1470-9


Dienstag, 16. Mai 2017

Wer war es?

Kurz vor ihrer Hochzeit treffen sich Bräutigam, Braut und einige Freunde. Makoto ist ein bekannter Drehbuchautor und seine Verlobte Miwako hat einige Lyrikbände veröffentlicht, wobei ihr Glanz den Makotos überstrahlt. Allerdings hält Miwakos Bruder nicht viel von der Beziehung. Außer Miwako scheint niemand so richtig traurig zu sein als Makoto auf dem Weg zum Altar zusammenbricht und stirbt. Kurz nach dem tragischen Ereignis wird auch eine ehemalige Freundin des Autors tot aufgefunden. Was kann zu den beiden Todesfällen geführt haben? Kommissar Kaga beginnt mit seiner Untersuchung.

Aus der Sicht von Miwakos Bruder, der Lektorin und des Managers des Toten werden die Ereignisse geschildert. Allein schon dies macht den Roman von Keigo Higashino zu etwas besonderem. In einem Moment behaupten alle drei, sie hätten Makoto getötet, eine Lösung also, die keine ist. Und so ist es an Kommissar Kaga, die Geschehnisse und die verschiedenen Aussagen der Beteiligten aufzudröseln und den Täter zu ermitteln oder auch die auszuschließen, die für die Tat nicht in Frage kommen. Dabei stellt sich heraus, dass Makoto ein rechter Unsympath war, der seine jeweiligen Freundinnen ziemlich mies behandelte und entsorgte, wenn er ihm in den Kram passte. Man fragt sich, wieso er nun die zarte Miwako heiraten will. Geht es ihm mehr um das Ausnutzen ihres Potentials als Autorin? Die Schaffenskraft des Makoto scheint ihren Zenit überschritten zu haben.


Gespannt verfolgt man die Geschehnisse und versucht hinter das Rätsel zu kommen, wer hier was zu verbergen hat. Gerade wenn man glaubt, die Motive des vermeintlichen Täters entschlüsselt zu haben, ergibt sich wieder eine andere Wendung, die einen alles in Zweifel ziehen lässt. Und einen besonderen Kniff lässt sich der Autor schließlich einfallen, der das Ermittlerherz im Leser höher schlagen lässt, man wünscht sich, die Zeit würde ausreichen, das Buch ein zweites Mal zu lesen, um wirklich jede Einzelheit zu würdigen. Hat man die Gelegenheit, den Roman als ebook zur Verfügung zu haben, kann man auch den Nutzen einiger Links zu genießen. Eine kleine Narretei des Autors macht diesen klassischen Krimi mit liebevollen Reminiszenzen an Agatha Christie zu einer Spezialität des Genres.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Ich habe ihn getötet von Keigo Higashino
ISBN: 978-3-608-10928-3


Sonntag, 14. Mai 2017

Die Rheinbrücke

Der Polizeiseelsorger Martin Bauer wird zu einer Rheinbrücke in Duisburg gerufen. Ein Mann will sich von der Brücke stürzen. Bauer ist ungewöhnlichen Methoden gegenüber aufgeschlossen und manchmal ist eine Aktion besser als eine Reaktion. Und so springt Bauer als erster von der Brücke und wird von dem Mann gerettet, der eben noch seinem Leben ein Ende setzen wollte. Schon am nächsten morgen ist der andere tot, er war Polizist und gegen ihn wurde wegen Korruption ermittelt. Und nun hat er offensichtlich sein Vorhaben doch noch in die Tat umgesetzt. 

Nachdem Martin Bauer als Gemeindepfarrer nicht so gut angekommen ist, hat er als Polizeiseelsorger seine Bestimmung gefunden. Allerdings macht er es sich auch mit dieser Tätigkeit nicht leicht, er neigt dazu manchmal weiter zu gehen als es seine Jobbeschreibung eigentlich verlangt. Obwohl der Tod des Polizisten als Selbstmord zu den Akten gelegt werden soll, rumort es in Bauer. Der Sohn des Toten ist traumatisiert, sicher bedarf er der Hilfe eines kompetenten Partner und die Witwe wirkt sehr geschockt. Zwar schien die Familie nicht übermäßig glücklich, aber soll eine bloße Untersuchung der Internen jemanden in den Selbstmord treiben?

Mit diesem ersten Band um den Polizeiseelsorger Martin Bauer und die Kommissarin Verena Dorm  stellen die Autoren eine sehr ungewöhnlichen Ermittler vor. In seiner Hartnäckigkeit und des „Er kann´s nicht lassen“ könnte man sich zwar im ersten Moment an Pater Brown erinnert fühlen, der den Kollegen von Recht und Ordnung mal ins Handwerk pfuscht, doch Martin Bauer geht doch um einiges ernsthafter ans Werk. Sein Glauben gibt ihm Kraft und Zuversicht, doch dieser Fall verlangt ihm so viel ab, dass er beinahe ins Zweifeln kommt. Familienmensch, Pfarrer, Ermittler - eine interessante Kombination komplexer Eigenschaften, bei einem, der nachbohrt, der nicht locker lässt. Gebannt hängt man an den Seiten, mit jedem Blättern treten neue Einzelheiten zutage, die einen noch mehr fesseln. Geschickt jonglieren die Autoren mit den verschiedenen Hinweisen und schicken die Leser auf eine Reise, deren Ziel lange verborgen bleibt, um schließlich beim Herannahen des Ziels zu einem wahren Thriller zu werden. 

Die Kombination zwischen Glaube, Liebe und Tod ist hier ausgesprochen gelungen. 


4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Glaube Liebe Tod von Peter Gallert und Jörg Reiter
ISBN: 978-3-8437-1474-7


Samstag, 13. Mai 2017

Raue Küste

Die Polizeistation von Kinloch an der schottischen Westküste scheint nicht ausreichend mit Personal und Material ausgestattet zu sein, um die Ermittlungen in einem Mordfall bewältigen zu können. Eine weibliche Leiche in desolatem Zustand wurde angespült und schon die Bergung gestaltet sich schwierig. DCI Jim Daley wird von Glasgow an den kleinen Küstenort beordert, um die Untersuchung zu unterstützen. Zunächst gilt es die Tote zu identifizieren und erste Informationen zu sammeln. Schnell stellt sich heraus, dass die Bewohner des kleinen Städtchens Fremden gegenüber nicht unbedingt offen sind. Daley scheint ungeachtet dessen doch Kontakt zu den Einheimischen zu finden.

Nach dem kleinen Teaser „Die Mädchen von Strathclyde“ ist dies nun Jim Daleys erster großer Fall, von dem Denzil Meyrick berichtet. Jahre sind vergangen und Daley hat sich in der Hierarchie hochgearbeitet, so dass er nun als leitender Ermittler in diesem schrecklichen Mordfall fungiert. Seine Ehe hat sich im Laufe der Jahre nicht ganz so positiv entwickelt wie erhofft, aber er kämpft um ihren Fortbestand. Treu an seiner Seite steht weiterhin DC Scott, der es vorgezogen hat an der Front zu ermitteln und so auf eine echte Karriere verzichten musste. Zu Beginn gestalten sich die Nachforschungen schwierig. Widersprüchliche Informationen geben kein schlüssiges Bild, doch Daley und Scott lassen nicht locker.

Intrigen und Ränke in den Rängen der Polizei, mäßig funktionierende Partnerschaften, humorvolle Szenen, eine gehörige Portion schottische Kultur und von Lokalkolorit geprägter Zungenschlag - aus diesen und anderen Zutaten strickt der Autor einen spannenden Krimi, bei dem man das Filmpotential sofort aufblitzen sieht. Allerdings wirken die verschiedenen Inhaltsstoffe mitunter etwas zusammengewürfelt und ergeben so nicht immer ein stimmiges Gesamtbild, entweder als habe Denzil Meyrick sich nicht entscheiden können, ob dieser Roman mehr von des Autors eigener Erfahrung als Polizist habe profitieren sollen oder von seiner Kenntnis von Land und Leuten, sollte es ein Lokalkrimi werden oder sollten die privaten Lebensumstände der Beamten ein wichtiger Bestandteil der Ermittlungen sein. Was in der oben erwähnten Vorgeschichte noch stimmig wirkte und nur wegen der Kürze zwangsweise etwas oberflächlich anmuten musste, erweckt hier den Eindruck als sei es das Bestreben gewesen jeden ansprechen zu wollen. Und so wechseln sich humoristische Szenen mit ausführlichen Beschreibungen des britischen Polizeiapparates. Schottisch geprägte Gespräche, die wahrscheinlich schwierig zu übersetzen sind, bilden einen Gegensatz zu den Beschreibungen. Und so bleibt man etwas unschlüssig, was für eine Art Krimi man hier hat. Zwar muss ein Roman nicht unbedingt einem bestimmten Genre zuordenbar sein, jedoch könnte hier der Eindruck entstehen, dass die die Teile nicht geschmeidig ineinander fließen, sondern einzelne Brocken zusammengestellt wurden. Dennoch gelingt es dem Autor sehr gut die raue Schottische Küste vor dem Auge des Lesers erstehen zu lassen und große Sympathie für den Menschenschlag zu wecken. Das Interesse an Jim Daley und seinen Mannen weckt dieser erste Band der Reihe mit Sicherheit und man darf gespannt sein, was die weiteren Bände bringen. Im englischen Original durfte DCI Daley immerhin bereits fünf Ermittlungen leiten.


3,5 Sterne

Tödliches Treibgut von Denzil Meyrick
ISBN: 978-3-959-67664-9


Donnerstag, 11. Mai 2017

Ein neues Leben

Durch einen unglücklichen Zufall hört die junge Novizin Ellin wie ein Mordkomplott geplant wird. Auf den Erzbischof von Köln geplant wird. Sie und ihre Mitschwester Jonatha werden entdeckt und müssen fliehen. Die bedauernswerte Jonatha wird von den Häschern gepackt und umgebracht. Ellin gelingt die Flucht. Ellin macht sich auf den beschwerlichen Weg nach Norden immer in großer Angst, sie Männer Friedrichs von Isenburg könnten sie einholen. Auf ihrer Flucht muss sie große Gefahren überstehen, doch sie ist auch mit Glück gesegnet, denn häufig begegnet sie Menschen, die ihr helfen und sie unterstützen.

Im Jahr 1225 wurde der Erzbischof von Köln tatsächlich überfallen und umgebracht. Um dieses geschichtlich belegte Ereignis spinnt die Autorin die Geschichte der Novizin Ellin. Diese ist durch ihre Entdeckung zwar sehr geschockt, aber dennoch erlebt sie außerhalb der Klostermauern eine völlig neue Welt. Eine Welt, in der sie sich als Frau relativ frei bewegen kann, in der sie etwas lernen kann, sogar einer Arbeit nachgehen kann. Zwar gibt es auch Einschränkungen, doch mit ihrem wachen Verstand saugt sie alles auf, was sie lernen kann. Schlimme Erlebnisse muss sie überstehen, keine Sicherheit scheint ihr beschieden.


Mit leichter Hand spinnt Caren Benedikt ihre Geschichte um die junge Ellin, die gezwungenermaßen das Kloster verlässt. Schlechten Gesellen begegnet sie, die ihr Böses wollen, weil sie verhindern wollen, dass die junge Frau den Mörder entlarvt. Doch sehr erhebend ist es, dass ihr auch viel Gutes beschieden ist. Immer wieder trifft sie auf freundliche Seelen, die ihr helfen. Die Erlebnisse der jungen Ellin sind sehr lebendig geschildert, so dass man sich bei manchen Szenen gut vorstellen kann, es in der damaligen Zeit zugegangen sein kann. Ellin ist eine liebenswürdige junge Frau, die es nicht leicht hat, die sich aber dennoch nicht unterkriegen lässt. Dabei verfolgt man mit Spannung, wie Ellin immer mehr lernt und selbstbewusster wird, und man kann sich gut in sie hineinversetzen. Zwar gewinnt man den Eindruck, dass hin und wieder eine kleine Straffung nicht schlecht gewesen wäre, aber insgesamt gewinnen Ellin und ihre Freunde viel Sympathie.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)

Die Kerzenzieherin von Caren Benedikt
ISBN: 978-3-426-51294-4


Sonntag, 7. Mai 2017

Birds on a Wire

Keiner kann sie so richtig gebrauchen und so wird einfach eine neue Brigade gegründet. Dorthin werden alle die versetzt, die krank sind oder faul, die quer denken, die unangepasst sind. Angeführt wird die Einheit von Commisaire Anne Capestan, die nach einer Suspendierung wieder arbeiten darf, aber am besten so, dass sie keinem in den Weg gerät. Sie leitet eine Abteilung, in die nicht nur die Ermittler sondern auch die ungelösten Fälle entsorgt werden. Allerdings kommt es anders als gedacht, denn in dieser Geistereinheit tauchen doch einige Polizisten auf, die bereit und willens sind zu arbeiten, die pfiffig und intelligent, mit Witz und Hartnäckigkeit an die wenigen Fälle herangehen, die in dem ihnen zugewiesenen Ausschuss doch nach Aufklärung rufen.

Das ist schon eine seltsame Abteilung, die Anne Capestan, die eher mit ihrer Entfernung aus dem Dienst gerechnet hat, da anführen soll. Allerdings eine Entfernung aus dem aktiven Dienst ist es schon. Denn Fälle, die irgendjemandem unter den Nägeln brennen gibt es nicht. Und ihr Team, das immerhin aus vierzig Leuten bestehen soll, wird in einer Wohnung untergebracht, die zum einen als Büro nur bedingt geeignet ist und zum anderen für diese Anzahl von Leuten gewiss nicht genug Platz bietet. So befürchtet Anne schon eine Einheit, betreuen zu dürfen, die tatsächlich nur aus Abwesenden besteht. Doch nach und nach trudeln die Kollegen ein.


Eigentlich nicht so gute Voraussetzungen für einen spannenden Kriminalroman bietet die Autorin mit ihrer Truppe von lahmen Enten. Doch was sie daraus macht vermag zu überraschen und zu fesseln. Das langsame Zusammenwachsen der Einheit, zumindest des Teils der Einheit, der gewillt ist zu arbeiten, das Auffinden der wenigen interessanten Ermittlungsansätze, den Eifer, mit dem die Abgehängten zur Sache kommen, das ist sehr erfreulich zu lesen. Mit den sympathischen Ermittlern wird man schnell warm. Behutsam wird berichtet, wieso sie kalt gestellt wurden. Doch gerade ihr Abgehängtsein gibt ihnen auch die Freiheit intensiv zu ermitteln, auch wenn es nur „Cold Cases“ sind. Sie haben zwar keine große Unterstützung, sie haben aber auch keinen Druck. Wie sich aus dieser Grundkonstellation eine brisante und packende Geschichte entwickelt, ist eine Freude zu lesen. Dieser erste Band einer Reihe macht Spaß und fesselt mit einem Fall, der es in sich hat. Den Namen Sophie Hénaff wird man sich gerne merken.

4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Kommando Abstellgleis von Sophie Hénaff
ISBN: 978-3-570-58561-0




Freitag, 5. Mai 2017

Der Container

Die 10jährige Gitte Mikkelsen tot aufgefunden. Als wäre ein Mord an einem Kind nicht schon schlimm genug hat der Mörder nichts besseres zu tun gehabt als das Kind ausgerechnet in einem Abfallcontainer zu entsorgen. Wie menschenverachtend muss einer sein. Daran haben auch die ermittelnden Beamten zu knacken. Was bei den Polizisten, unter ihnen Rolando Benito, ebenfalls eine gewisse Missstimmung auslöst: Die Journalistin Anne Larsen und ihre Fotografin Kamilla Holm scheinen den Beamten häufiger einen Schritt voraus zu sein. Zu Beginn kommt die Untersuchung auch nur langsam voran, denn niemand scheint ein Motiv zu haben. Umso mehr geraten die Ermittler unter Druck als auch noch eine Freundin der Ermordeten spurlos verschwindet.

In seinem ersten Fall steht Rolando Benito, der dänische Polizist mit italienischen Wurzeln, nicht einmal besonders im Mittelpunkt. Die Reporterin Anne Larsen und ihre Fotografin sind des öfteren schneller als er mit dem Finden und Entschlüsseln von Hinweise. Die beiden Frauen setzen ihre Spürnasen mit großem Eifer dafür ein, die Hintergründe des grausamen Mordes zu entschlüsseln. Dabei kämpfen sie nicht nur um die Wahrheit, sondern sie kämpfen auch mit den Wunden, die ihre eigenen Leben bestimmen. So scheint Anne immer auf der Flucht zu sein und Kamilla muss den tragischen Unfall ihre kleinen Sohnes verkraften, der leider einen tödlichen Ausgang hatte.

Obwohl der Roman einen interessanten und spannenden Ansatz hat, bleibt gerade der Ermittler, nach dem die Reihe benannt ist, etwas flach und blass. Den beiden Pressemitarbeiterinnen und ihren privaten Traumata wird dagegen zumindest gefühlt mehr Platz eingeräumt. Dadurch wirken die beiden weiblichen Protagonistinnen viel lebendiger als der eigentliche Ermittler und sein Team. Etwas mühsam ist es bei den ausführlich geschilderten Problemen der Ermittler/Presseleute den eigentlichen Fall nicht aus den Augen zu verlieren. Zwar halten spannende und unerwartete Entwicklungen immer wieder bei der Stange und wecken die Neugier am Ausgang des Kriminalfalles, doch so ganz will der Funke nicht überspringen. Dennoch ein lesenswerter Krimi, der allerdings ein wenig mehr Tempo gebrauchen könnte.

3,5 Sterne (🐳🐳🐳+)


Der Schrei der Kröte von Inger Gammelgaard Madsen (gelesen in der ebook-Fassung des SAGA-Egmont Verlages)

ISBN: 978-3-955-10106-0 (der Taschenbuchfassung des Osburg-Verlages)


Donnerstag, 4. Mai 2017

Der schöne Ludwig

Die Journalistin bei Tag 7 Ira Wittekind möchte auch einmal frei haben und so ist geplant, auf den Rehmer Markt zu gehen, eine kleine Kirmes im beschaulichen Bad Oeynhausen. Wie so oft kommt es jedoch anders. Die nahegelegene Friedhofskapelle am Mooskamp brennt und natürlich begibt sich Ira wie es der Beruf verlangt an den Ort des Geschehens. Was erst ein mysteriöser Brand zu sein scheint, entpuppt sich schnell als schlimmeres Verbrechen. In der Kapelle wird eine Leiche gefunden, die offensichtlich verbrannt ist. Hierbei soll es sich um den schon älteren und beliebten Apotheker Ludwig Hahnwald handeln. Für ihre Zeitung berichtet Ira Wittekind von den Ereignissen.

Jeder Mensch hat eine Geschichte, nicht immer ist es eine schöne Geschichte, doch beginnt man nachzufragen, wird man häufig herausfinden, dass hinter einer vermeintlich normal unauffälligen Fassade doch mehr verborgen sein kann. Eine Reporterin, die nicht auf die Lösung eines Falles beschränkt ist, kann sich Zeit nehmen, einem Menschen nahe zu kommen. Und so macht sich Ira Wittekind auf, Ludwig Hahnwalds Geschichte zu entdecken. Allgemein beliebt war der ältere Herr, doch auch Schicksalsschläge musste er erleiden. So ist sein Sohn an einer Erkrankung verstorben und auch seine erste Ehefrau verstarb früh. Nun hinterlässt er eine Witwe, die um etliches jünger ist als er. Und je weiter Ira recherchiert, desto mehr Details aus dem Leben des Apothekers erfährt sie.

In ihrem dritten Fall kommt die Journalistin Ira Wittekind einem ganz erstaunlichen Geschehen auf die Spur. Denn wer soll schon einen Grund haben, ein angesehenes Mitglied der Gemeinde vom Leben in den Tod zu befördern. Erst ruhig doch mit dem Fortschreiten der Ermittlungen immer spannender entwickelt sich die Recherche. Hinter der Fassade steckt mehr als man ahnt, das Leben des Apothekers war turbulenter und einige Charakterzüge werden ans Licht gefördert, die es durchaus erschweren den schönen Ludwig sympathisch zu finden. Umso sympathischer wirken dagegen die resolute Ira Wittekind und ihr Freund Andy. Und noch einige andere liebenswerte Charaktere sind in Iras Umgebung zu entdecken. Lediglich ein Nebenstrang lenkt etwas von der fesselnden Geschichte ab, was aber sicher beabsichtigt ist. Auch im schönen und beschaulichen Bad Oeynhausen ist man vor Verbrechen nicht gefeit. Mit feinem Lokalkolorit beschreibt die Autorin die Ereignisse und dies wird durch die wunderbare Lesung von Vera Teltz noch unterstrichen, ohne dabei zu übertreiben.

Ein sehr gelungener Kriminalroman, mit dem die Lokalreporterin Ira Wittekind, die die Leser sofort für sich einnimmt, einem größeren Publikum vorgestellt wird.


Sowie ersichtlich werden wird zumindest auch der erste Band der Reihe demnächst im Heyne-Verlag veröffentlicht, der zweite und dritte Band sind bei Graufisch Medien erschienen. 


4 Sterne (🐳🐳🐳🐳)

Mordkapelle von Carla Berling
ISBN: 978-3-837-13843-6


Montag, 1. Mai 2017

Alles wie es war

Bereits seit fünf Jahren scheint Commissario Michele Balistreri mit allem abgeschlossen zu haben. Kurz vor der Pensionierung mit kaputtem Knie schleppt er sich zwar noch jeden Tag zur Arbeit, viel mehr als Dokumente zu unterschreiben tut er aber nicht. Und so will er als Leiter der Mordkommission auch nichts mit dem vermeintlich erweiterten Selbstmord einer jungen Frau und ihrer kleinen Tochter nichts zu tun haben. Die Sache ist schließlich klar. Obwohl so klar ist sie wohl doch nicht. Die vierzigjährige Journalistin Linda Nardi beginnt mit Nachforschungen. Der Tot der jungen Frau und ihrer Tochter steht möglicherweise im Zusammenhang mit einer anderen Sache, der Linda auf der Spur ist. Überall tauchen die selben Leute auf.

Auch Commissario Michele Balistreri kann nicht mehr darüber hinwegsehen, dass es hier etwas aufzuklären gibt. Und wieder ergeben sich Hinweise auf eine Verbindung zu seiner eigenen Vergangenheit.In seiner Jugend lebte er mit seiner Familie in Tripolis und die ungeklärten Todesfälle in der Gegenwart rühren die Ereignisse von früher wieder auf. Nun heißt es, den Geheimnissen der Vergangenheit auf den Grund zu gehen, um in der Gegenwart überleben zu können. Balistreri muss sich mit den Geschehnissen von vor etwa vierzig Jahren endlich auseinander setzen, auch wenn er Angst vor dem hat, was er herausfinden könnte.

In diesem dritten Roman um Michele Balistreri, den römischen Kommissar, und seine Vergangenheit im fernen Tripolis fesselt Roberto Costantini mit fein ziselierten Zusammenhängen, die aufmerksam gelesen und bedacht werden wollen. Beziehungen zwischen den Drahtziehern in Libyen und Italien. Reiche, deren Ränkeschmieden an Frechheit kaum zu überbieten sind. Droht der arabische Frühling diesen Machenschaften ein Ende zu machen? Wie schon in den beiden Vorgängerbänden bestehen enge Verbindungen zwischen den Taten, die in der Gegenwart begangen werden und Micheles eigener Vergangenheit. Michele war nicht immer der ruhige besonnene Polizist und nun scheint es so als ob seine Vergangenheit ihn endgültig einholt. Intelligent und spannend verwebt der Autor die beiden Handlungsstränge, um endlich eine Wahrheit zu enthüllen, die perfide und nur schwer zu ertragen ist. Doch so wie alles in die Brüche geht, entwickelt sich auch etwas Neues. 


Eine Trilogie, die sowohl ein hervorragend inszeniertes politisches Komplott aufdeckt als auch mit immer gewagteren Enthüllungen über die Jugend des Commissarios aufwartet. Eine Trilogie, die man sich nicht entgehen lassen sollte.

4,5 Sterne (🐳🐳🐳🐳+)

Das Böse vergisst nicht von Roberto Costantini
ISBN: 978-3-570-10257-2