Montag, 22. August 2016

Nur ein Walzer

In einem Trödelladen in Rom entdeckt die Musikerin Julia Ansdell ein altes Notenblatt. Wegen ihrer musikalischen Ausbildung kann sie sich die Melodie des Walzers gleich vorstellen und sie muss das Stück unbedingt haben. Voller Stolz präsentiert sie das Stück nach ihrer Heimkehr ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter. Das Vorspielen des anrührenden Walzers scheint allerdings beinahe schon unheimliche Auswirkungen zu haben. Beim ersten Mal findet Julia den betagten Familienkater tot, offensichtlich wurde er mit mehreren Stichen getötet. Das zweite Mal endet damit, dass Julia eine Wunde von einer Scherbe in ihrem Bein hat. Das kann doch nicht ihre erst dreijährige Tochter gewesen sein. Aber sonst war niemand da…

Des Öfteren überziehen sich die Arme mit einer Gänsehaut, wenn man zuhörend verfolgt, was mit Julia Ansdell und ihrer Familie geschieht. Es ist doch nicht möglich, dass so ein kleines Kind auf die eigene Mutter losgeht, oder? Doch das ist nur ein Teil. Julia möchte ergründen, weshalb ein unschuldiges Musikstück solch negative Auswirkungen auf sie hat. Und so offenbart sich nach und nach die tragische und berührende Geschichte des Musikstücks, des grauenvollen Schreckens, dem sein Komponist ausgesetzt war, aber auch einer großen Liebe.

Unheimlich, unheimlich berührend und ausgesprochen spannend, was Tess Gerritsen hier hervorgebracht hat. Ganz anders als die Rizzoli & Isles Krimis und gerade weil sich dadurch eine andere Facette der Autorin offenbart besonders faszinierend. Verstärkend kommt hinzu, dass Mechthild Großmann ihre Stimme hervorragend einzusetzen versteht. Von dem dahin gehauchten „Mami!“ mag man zunächst kaum glauben, dass es in ihr steckt. Und wie sie es vermag, den sehr unterschiedlichen Szenarien stimmlich gerecht zu werden, ist schon eine  besondere Kunst. Gefesselt gibt man sich den Schauern hin, die die Geschichte und ihr Vortrag entfesseln. Ein ungewöhnlicher Thriller, in dem die europäische Geschichte geschickt mit den bedrohlich wirkenden Ereignissen der Gegenwart verknüpft wird. 


Bravo, Tess Gerritsen. Bravo, Frau Staatsanwältin.

4,5 Sterne

Totenlied von Tess Gerritsen
ISBN: 978-3-837-13562-6




Sonntag, 21. August 2016

Und so was nennt sich Urlaub

Fast genau vor einem Jahr starb Simona Wiesner an einen angeborenen Herzfehler. Ihre Mutter kann Simonas Tod nicht verwinden, doch in letzter Zeit benimmt sie sich noch seltsamer. Eine Freundin will sie aus ihrer Trauer reißen, muss jedoch entsetzt einen übel zugerichteten Leichnam finden. Deshalb wird es nichts mit dem Urlaub von Nils Trojan. Zusammen mit seinen Kollegen tappt er zunächst im Dunkeln. Frau Wiesner hatte sich sehr zurückgezogen. Es gibt nur wenige Ansatzpunkte. Nur wenig später verschwindet Simonas ehemalige Geschäftspartnerin. Kurz darauf wird in einer verlassenen Turnhalle eine weitere Leiche gefunden.

Welch unheimliche Ereignisse brauen sich da im Zuständigkeitsbereich von Nils Trojan zusammen. Der Leser ist dem Kommissar ein wenig voraus, da er daran teilhaben kann und muss, was mit den Opfern geschieht. Allerdings bleibt er durch die geschickten Auslassungen des Autors genauso ratlos wie Trojan selbst. Dieser konzentriert sich notgedrungen voll auf die Ermittlungen. Seine Sehnsucht nach seiner Freundin Jana, die sich eine Auszeit ausbedungen hat, bleibt ungestillt. Auch Trojans Tochter Emily hat sich zurückgezogen. Doch was für ein grausamer Täter hat die Opfer mit solcher Aggressivität zugerichtet, dass es die Vorstellungskraft übertrifft. Was treibt einen solchen Menschen an.

Die Antwort ist relativ einfach und damit auch ziemlich genial. Die Phantasie malt sich die schlimmsten Dinge aus, doch ist es ohne das Wissen um die Wahrheit unmöglich Ursache und Wirkung auseinander zu halten. Und so spekuliert man wild und lässt beinahe jeden in Verdacht geraten. Wer steckt mit drin, wer hat was gewusst. Kaum ausgepackt, will man den Geruch der Druckfrische dieses Thrillers einatmen. Und ebenso inhaliert man das Geschehen, das einen von der ersten bis zur letzten Seite nicht loslässt. Man tritt Berliner Pflaster, man fühlt mit denen, die den Verlust geliebter Menschen verschmerzen mussten. Man vergisst das Ausatmen vor lauter Anspannung. 


Ein sehr gelungener Thriller, der geschickt mit der Vorstellungskraft des Lesers spielt.

4,5 Sterne

Der Traummacher von Max Bentow
ISBN: 978-3-442-20510-3



Samstag, 20. August 2016

Kein Alibi

Er ist Besitzer des besten Krimibuchladens in Belfast, welchen er sinnigerweise „Kein Alibi“ getauft hat. Im Nebenladen residiert eine Privatdetektei, deren Besitzer allerdings seit einiger Zeit verschwunden ist. Und so kommt es, dass immer mehr Kunden des Nachbarn im Buchladen auftauchen und darum bitten, ihre Probleme gelöst zu bekommen. Das gelingt besser als man meinen könnte, obwohl der Inhaber wegen diverser echter und eingebildeter Krankheiten weder die Stadt noch Land kaum je verlässt. Doch als ein Buchverleger in seinem Laden erscheint, der darum bittet, das Verschwinden seiner Frau aufzuklären, scheinen die Grenzen der Kunst erreicht. Und dann ist da noch Allison aus dem Juweliergeschäft gegenüber, die der Inhaber des Buchladens doch allzu gerne näher kennenlernen möchte.

Amüsiert folgt man dem Buchhändler auf seinen ersten Schritten zum Privatdetektiv. Als begeisterter Krimileser und natürlich auch Verkäufer, müsste er für seinen Nebenjob eigentlich bestens geeignet sein. Doch sein etwas undurchsichtiges Vorleben könnte sich als nicht zu unterschätzendes Hindernis erweisen. Und die hübsche Allison, die am liebsten das Abenteuer, Assistentin eines Privatdetektivs erleben möchte, bietet auch eine willkommene Gelegenheit zur Ablenkung. Dennoch wird so mancher Gedanke gewälzt und viele Seiten im Internet, denn trotz seiner Verschrobenheit, dumm ist der namenlose Buchhändler nicht. 


Dieser Buchhändler ohne Namen ist schon etwas verschroben, seine Angst vor einem Virus oder sonst einer Krankheit ist beinahe größer als bei einer echten Gefahr. An seinen Schwarm traut er sich nicht richtig heran. Und seine Gedankenergüsse sind nicht von schlechten Eltern. Dennoch macht er Spaß. Skurril und ironisch, mit witzigen Anspielungen auf die großen Detektive, unterhält er sehr gut.  Schließlich hat er einen Fall am Wickel, der sich packender entwickelt als man zunächst ahnen kann. Und wie es sich für den Beginn einer Reihe gehört, bleiben am Schluss auch genug Fragen zur Person des guten Buchhändlers offen, um ihm noch die Lösung weiterer Fälle zu wünschen.

4 Sterne

Ein Mordsgeschäft von Colin Bateman
ISBN: 978-3-453-43535-3



Freitag, 19. August 2016

Familie ungewiss

Ein ehemaliger Terrorist, der seine Zeit abgesessen hat, wird brutal ermordet. Und den Kommissaren Sabine Kaufmann und Ralph Angersbach ermitteln in dem Fall. Bald schon wird ihnen dieser Fall entzogen. Zudem erfährt Sabine auch noch, dass die Mordkommission in ihrem beschaulichen Örtchen aufgelöst werden soll. Dabei hat sie die Stelle extra angenommen, damit sie sich besser um ihre labile Mutter kümmern kan. Auch Angersbach ist alles anders als begeistert und seine Ermittlungen führt er unter der Hand weiter. Eine besondere Brisanz bekommt der Fall als sich herausstellt, dass Angersbach ganz persönlich von den Ereignissen betroffen ist.

Man meint nicht, wie es in der hessischen Provinz zugehen kann. Eigentlich etwas ruhiger angehen lassen wollte es Sabine Kaufmann, doch das Verbrechen macht auch vor einer Dorfgrenze nicht halt. Sowohl sie als auch Ralph Angersbach sind mit ihrem jeweiligen Privatleben beschäftigt. Doch hartnäckig machen sie sich an die Lösung des Falles. Wieso war es dem ehemaligen Verbrecher, der sich offensichtlich aufmachen wollte, seine Vergangenheit zu überwinden und ein angepassteres Leben zu führen, nicht vergönnt seinen Plan auszuführen. Die Spuren weisen in die Vergangenheit, gerade auch in die Kommissar Angersbachs.


Als zweiter Band einer Reihe um die Kommissare Angersbach und Kaufmann lässt sich dieser Kriminalroman auch ohne Kenntnis des ersten Bandes gut lesen. Daniel Holbe, bekannt als Autor der Fortsetzung der Julia Durant Reihe des verstorbenen Andreas Franz, legt hier den zweiten Band um sein eigenes Ermittler-Duo vor. Vielleicht etwas gemächlich zu Beginn nimmt die Handlung bald einiges an Fahrt auf. Mit den Polizeibeamten geht man auf Verbrecherjagd und folgt ihren Spürnasen. Lange kann man sich nicht vorstellen, was hinter dem Mord steckt. Doch schließlich fügt sich alles sehr schlüssig. Ein spannender und gut konstruierter Krimi, der sicher eine Empfehlung für die weiteren Bücher des Autors ist.

4 Sterne

Schwarzer Mann von Daniel Holbe
ISBN: 978-3-426-42676-0


Donnerstag, 18. August 2016

Cookie Krieg

Sally Muccio hat endlich den Mann ihres Lebens und alles andere läuft auch rund. Sie führt mit ihrer Freundin Josie eine Keksbäckerei, die sehr gut ankommt. Die beiden sind sogar für einen Backwettbewerb in einer Fernsehsendung angenommen worden. Plötzlich taucht jedoch Sallys Ex-Mann Colin auf, der an ihr Geld will. Colin ist drogenabhängig und er hat Schulden gemacht. Wie er an Geld kommt, ist ihm fast egal. Und einen Tag später ist er tot. Der Verdacht fällt auf Sallys neuen Freund Mike. Wie perfekt war das Leben vor einem Moment und nun muss Sally alles dafür tun, um Mikes Unschuld zu beweisen.

Ein Kuschelkrimi wie er im Buche steht. Manchmal ein wenig sehr gefühlvoll reagiert Sally. Zum Glück hat sie ihre Großmutter, die sie mit viel Großmutterwitz und etlichen Versprechern wieder auf den Boden der Tatsachen holt. Vertrauen soll Sally haben, in die Welt und ihren Freund und überhaupt. Das ist manchmal nicht so einfach, gerade wenn sie alles gegen sie zu wenden scheint. Da ist die Backshow fast eine willkommene Ablenkung, bei der es auch nicht ohne Aufregung abgeht. 


Herzig sind sie schon, die geschilderten Personen, Sally und ihre herzerwärmende Großmutter bilden den Mittelpunkt der Familie und einen Gegenpart zu den doch etwas überkandidelten Eltern.  Josie macht ihren Part als beste Freundin wirklich gut. Die vielen Verehrer Sallys sind zu viel des Guten. Auch wenn sie ausgesprochen sympathisch wirkt, so muss doch nicht jeder vor ihr in die Knie sinken. Dafür kann man ihrem miesen Ex-Mann wirklich nur die Krätze an den Hals wünschen, bei dem was alles so über in zu Tage gefördert wird. Auch wenn in diesem Krimi ein klein wenig übertrieben wird, so unterhält die Lektüre gut und ist gerade richtig, wenn die Krimi-Mimi im Bett noch etwas schmökern will.

3 Sterne

Baked to Death von Catherine Bruns
ISBN: 978-1-523-41822-0


Mittwoch, 17. August 2016

Kein Entkommen

Auf den ersten Blick führt Sandra ein glückliches Leben. Gemeinsam mit ihrem Mann Ben und der gemeinsamen Tochter Ivy lebt sie in einem Traumhaus inmitten einer abgelegenen Idylle. Diese zerplatzt, als zwei Männer, entflohene Häftlinge, in ihr Haus eindringen und sie gefangen nehmen. Eine Flucht ist zwar geplant, scheitert aber an den winterlichen Wetterverhältnissen. So gibt es weder für Sandras Familie, noch für die flüchtenden Häftlinge einen Ausweg. Das Ganze artet in eine Tortur aus, und Sandra wird mit den Grenzen ihres eigenen Verdrängens konfrontiert… 
„Night Falls. Du kannst Dich nicht verstecken“ ist der erste Thriller aus der Feder von Jenny Milchman, den ich las. Die Geschichte hat mich thematisch sehr angesprochen. Sie startet mit zwei parallelen Erzählsträngen: einer der die Familie vorstellt und einen, in dessen Mittelpunkt die fliehenden Häftlinge Nick und Harlan, stehen. Diese Erzählstränge werden zusammengeführt. Daneben gibt es von Zeit zu Zeit immer mal wieder eine Rückblende. Wir erfahren von Barbara und ihrer Familie. Der spätere Häftling Nick ist ihr Sohn und stellt ihre erzieherischen Kompetenzen auf die Probe. Nichtsdestotrotz ist und bleibt Nick der geliebte Sohn, der immer entschuldigt wird, während seine Schwester Cassandra eher vernachlässigt wird. Diesen Erzählstrang fand ich sehr spannend. Ansonsten leidet die Spannung mitunter sehr unter der Detailverliebtheit der Autorin. Das erzählerische Grundkonzept hat mir zugesagt, auch wenn ich Manches etwas überzogen fand. Auf den Vorgänger bin ich in jedem Fall neugierig geworden und werde ihn bei Gelegenheit sicher auch lesen. 

4 Sterne


© Britta Kalscheuer

zu

Night Falls von Jenny Milchman
ISBN: 978-3-548-28755-3





Dienstag, 16. August 2016

de Bodtissimo

Der russische Präsident ist zu Besuch in Berlin. Während einer Fahrt mit der deutschen Kanzlerin entgeht das Fahrzeug der Beiden nur um Sekunden einem Anschlag. Sofort werden die besten Ermittler zusammengezogen. Sogar für den künftigen Sündenbock soll gesorgt werden, falls die Untersuchungen nicht so laufen wie geplant. Der ausgesprochen intelligente aber nicht sehr beliebte Eugen de Bodt nimmt diese Rolle nicht an. Lieber steht er mit seinen Mitarbeitern Salinger und Yussuf am Rande und geht seine eigenen Wege. Dass er sich dabei geschickter anstellt als seine Kollegen, erheitert diese nicht so besonders.

Worum geht es? Wer sollte durch den Anschlag getroffen werden; der Präsident oder die Kanzlerin? Sollten in dem Fahrzeug Geheimgespräche stattfinden und wollte man das Treffen von Vereinbarungen zwischen den beiden Ländern verhindern? Kleinste Spuren müssen die Beamten zusammen puzzeln und doch erhalten sie kein schlüssiges Bild. Einzig eines scheint relativ schnell klar zu sein, die Attentäter müssen einen Maulwurf in der Behörde haben. Wie sonst hätten sie die Route der Fahrzeuge kennen können.

Rasend spannend ist dieser Politthriller von Christian von Ditfurth, sprühend vor Ideen und auch kenntnisreich geschrieben. Wenn man eher mit seiner Stachelmann Reihe bekannt ist, erbebt man eine echte Überraschung. Zwar ist sein Eugen de Bodt ein ähnlich intelligenter Ermittler, doch wählt der Autor einen ganz anderen Ansatz als bei dem Historiker Stachelmann. De Bodt ist Ermittler mit ganzer Seele, obwohl er nicht in den Polizeiapparat passt, schafft er es, neben den Verbrechern auch seine Kollegen auszutricksen. Regeln, welche Regeln? Lieber wird ein Philosoph zitiert und dann doch gemacht, was er für richtig hält. Es wird gut gehen, solange er dabei recht behält. Und auch daraus entsteht noch eine zusätzliche Spannung, denn man erwischt sich doch beim Daumen drücken und auch beim Atem anhalten, ob der quergedachten Ansätze. Nur langsam entblättert sich der wahre Hintergrund der Tat, da könnte man beinahe ungeduldig werden. Wenn einen dann die Ereignisse überrollen, ist das schnell vergessen.

4,5 Sterne

Zwei Sekunden von Christian von Ditfurth
ISBN: 978-3-641-17066-0